Sonntag, 27. Februar 2011

Guttenberg - Versuch einer anderen Sichtweise

Nach einigen Tagen (auch krankheitsbedingter) Pause werde ich mich heute mal einem nicht-technischen Thema zuwenden, das zur Zeit die Medien beherrscht:
Die "Plagiats-Doktorarbeit" des Herrn zu Guttenberg. 

Ein zur Zeit zugegebenermaßen etwas überpräsentes Thema, aber nach einigen persönlichen Diskussionen im Bekannten- und Verwandtenkreis kommt in mir das Bedürfnis einer eigenen zusammenfassenden Meinung zum Tragen.


Als Prämisse vorab: Hier soll keine Aussage über Herrn zu Guttenberg in seiner Funktion als Minister oder politischer Funktionsträger getroffen werden. 
Ich finde, dass sein Verbleib als Minister in erster Linie nichts direkt mit der Aberkennung der Doktorwürde zu tun hat und die Aberkennung als solche auch nicht Thema im Bundestag sein sollte (das fällt für mich mal wieder in die Rubrik "Farce").

Für mich würde sich die rechtliche Frage des Verbleibs erst stellen, falls er eines Betruges schuldig gesprochen würde. Dies wäre auch beispielsweise für einen Beamten eine untragbare Situation, die mit großer Wahrscheinlichkeit zum Ausscheiden aus dem Dienst  führen würde. Aber noch steht das Urteil zum Betrugsverdacht aus. Und da ich ein großer Verfechter von Bürgerrechten und darunter der Unschuldsvermutung (bezüglich der Betrugsvorwurfes) bin, will ich dieses Thema in diesem Post nach Möglichkeit ausklammern.
Ob die bisher angetragenen und auch bewiesenen Vorwürfe zu seinem Rücktritt gereichen sollten, ist auch eine Diskussion, zu der ich hier nichts beitragen möchte. Da hat sicherlich jeder seine eigene Meinung und kann diese gerne in den entsprechenden Foren kundtun.

Was mich zur Zeit umtreibt ist eher die gesellschaftliche Beurteilung des Falles "Entzug der Doktorwürde" an sich. Da ich selber die Ehre habe, einen Doktortitel zu führen, ist es für mich durchaus von Interesse, in wieweit dies noch als Würde gesehen wird und gesehen werden kann. 
Ich bin mir durchaus bewusst, dass der Doktortitel eine "Würde" ist, die mir von der Universität München "verliehen" wurde. Der Titel "gehört" mir nicht.
Durch eine (ich hoffe) selbständige wissenschaftliche Arbeit meinerseits, war man der Meinung, dass ich diesen Titel führen darf; dieses Recht auf den Titel ist aber formal gesehen nicht endgültig, sondern kann mir entzogen werden, wenn ich mich dessen nicht "würdig" erweise. Soviel vorab zu meiner persönlichen Einstellung zum Doktortitel.
Aber wie sieht die Einstellung zu den berüchtigten "zwei Buchstaben" in der Gesellschaft aus?
Ein guter Aufhänger ist dieses Interview mit dem Infratest Chef Richard Hilmer, speziell die Aussage, dass viele in der Gesellschaft das "Schummeln" in der Dissertation nicht als Betrugstat sehen, sondern eher als "Kavaliersdelikt". Eine Ansicht, die ich auch schon in Gesprächen erlebt habe und überhaupt nicht teilen kann.

Mir war durchaus bewusst, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der das Bekenntnis zur Bildung oft eher einem Lippenbekenntnis gleicht. Bildung wird im realen Leben allzu oft gleichgesetzt mit industriekonformen Ausbildungswesen.
"Den Dr. braucht man schließlich nicht, um Minister zu werden", ist so eine Aussage aus diesem düsteren Tal des Berufspragmatismus.
(Wobei die Aussage so natürlich korrekt ist, aber im Zusammenhang die Wertschätzung des Titels erkennen lässt.)
Es scheint, dass Bildung im Humboldtschen Sinne ein fast schon überflüssiger Luxus ist. Doktor, Professor, Wissenschaftler, was soll`s? Kann auch keiner ein Auto reparieren.
Eine Aussage, die in der Tat oftmals nicht von der Hand zu weisen ist. Aber was ist die Konsequenz? Wo brauchen wir die Heerscharen praxisbezogener Arbeiter für die unzähligen Stahlwerke und arbeitsintesiven Produktionsstandorte in Deutschland? Lohnarbeiter für den Abbau von Stahl, Kohle und Coltran? Wo sind die Industrien und Zweige, die ohne Wissen, Wissenschaft und Bildung auskommen?
Sprechen wir nicht immer vom Wissens-Standort Deutschland? Von der immensen Wichtigkeit von Wissenschaft, Forschung und natürlich von Bildung.
Ja, das tun wir. Die meisten von uns jedenfalls. Und sicher auch die meisten von denen, die den Plagiatsfall als Bagatelle abtun.
Das Dumme ist nur, dass diese Ansicht verkennt, wie Wissenschaft funktioniert.
Worauf ich hinaus will ist, dass offensichtlich der Antrieb, Wissenschaft zu betreiben nicht, oder eher selten, finanzieller Natur ist. Das kann man übrigens leicht erkennen, wenn man einmal Gehaltstabellen von Professorenstellen mit den Gehältern eines besseren Abteilungsleiters vergleicht. Auch eine kritische Betrachtung der üblichen "Karrierechancen" nach einer Doktorarbeit zeigt, dass viel Idealismus dazugehört, um "dabeizubleiben".
(Mein Respekt gilt allen, die im Gegensatz zu mir dabeigeblieben sind),
Nein, man will "Wissen-schaffen". Und dieses Schaffen von Wissen, bedarf in den allermeisten Fällen heutzutage einer sogenannten Scientific-Community, also anderen Wissenschaftlern, Forschergruppen, Institute, Universitäten.
Der Düsentrieb-Genius im Kellerlabor ist eher die Ausnahme. Viele forschen an ähnlichen Themen und man lebt vom Austausch der Erfahrungen und der Ergebnisse.
Publikationen, Tagungen und andere Kommunikationsplattformen sind die Adern, auf denen der Strom der Erkenntnis fließt und sich vermischt.

Und dieser Austausch bedarf der Regeln. Er kann nur funktionieren, wenn man sich gegenseitig respektiert und auch die Veröffentlichungen anderer respektiert. Mann darf sie verwenden, ausprobieren, kritisieren und auch vernichten, solange man sie korrekt benennt.
Von diesem Austausch lebt und atmet die Wissenschaft. Und wenn man es schafft aus diesem Wissen, das man angesammelt hat, etwas neues zu schaffen, spricht man von einer Entdeckung, einem Durchbruch, einem wissenschaftlichen Erfolg. Manchmal auch nur von einer interessanten Fußnote, schließlich ist nicht jeder Assistent gleich des Nobelpreises würdig. Aber auch die kleinste Erkenntnis bildet einen weiteren Stein im Fundament des Wissens.
Selbst ein Wissenschaftler wie Isaac Newton, der sich gegenüber Kollegen nicht gerade durch höfliche Zurückhaltung auszeichnete prägte den Satz:
“If I have been able to see further, it is because I have stood on the shoulders of giants”

Warum beschreibe ich diese Form der Kommunikation im Wissesenschaftsbetrieb so ausführlich? Weil ich zeigen will, warum es jedem an diesem System Beteiligten, so wichtig ist, dass Urheberrechte, Zitate und zugrundegelegtes Wissen korrekt dargestellt werden.
Das ist keine Fußnotenfeilscherei. Das ist die Grundlage der Zusammenarbeit von Wissenschaftlern weltweit. Ob das nun in der Naturwissenschaft oder Geisteswissenschaft ist, in einer Facharbeit oder einer Dissertation. Man macht das nicht zum Spaß. (Oh nein, das ist wirklich kein Spaß!)

"Wissenschaft lebt davon, dass mit wissenschaftlichen Texten redlich umgegangen wird, dass die Quellen aufgedeckt werden. Und wenn dagegen verstoßen worden ist, dann ist das mehr als ein bloßes Kavaliersdelikt.
Es steht mir nicht zu, die politische Glaubwürdigkeit eines Promovierten oder ehemals Promovierten zu beurteilen, aber in der Wissenschaft wäre man mit diesem Verhalten unten durch."

Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes
(Fundstelle)

Und auch wenn viele den "Dr." nur als schmückendes Beiwerk auf der Visitenkarte tragen und es sicherlich auch einige "Dr." Titel gibt, die nicht viel teurer waren, als das exotische Büttenpapier ihrer Herkunftsländer, hat die große Majorität der promovierten Wissenschaftler, egal welchen Beruf sie inzwischen ausüben, einen signifikanten Teil ihres meist jungen Lebens damit verbracht, eine neue Idee zu verfolgen, sie zu durchdringen, das zugrunde liegende Problem zu lösen und dem Ergebnis Form und Inhalt zu geben.
Sei es durch Messungen, Analysen, medizinische Studien, Meta-Analysen oder durch Literaturrecherche. Eine neue Idee muss nicht am Labortisch entstehen, sie kann auch durch das Zusammentragen bekannter Literatur in einem neuen Zusammenhang entstehen, durch neue Analyse bekannter Messungen
Man hat sich Jahre damit beschäftigt, analysiert, gemessen, zusammengetragen, formuliert und schliesslich zusammengeschrieben und sich dem Urteil seines Doktorvaters/-mutter gestellt.

Worauf will ich eigentlich hinaus in meiner Brandrede für das wissenschaftliche Arbeiten?
Ich frage mich, warum die wesentlichen Fragen in diese "Affäre" nicht, oder nur leise gestellt werden:

  • Was ist eigentlich die Kernaussage der umstrittenen Doktorarbeit? Grundvoraussetzung für eine Dissertation ist eine "neue Idee", die bearbeitet wird. 
  • Wird diese Aussage ohne die des Plagiats-Verdachts unterworfenen Abschnitte immer noch gestützt? 
  • Falls nicht, wie konnte dann diese Kernaussage zu einer so hervorragenden Bewertung führen?
  • Wie stellt sich eigentlich der wissenschatliche Wert unter Neubewertung der zitierten Stellen dar?
Wenn es nach Berücksichtigung der nicht markierten Zitate immer noch einen originären Gedanken gibt (der nicht von überragendem wissenschaftlichen Wert sein muss, er muss nur neu und eigenständig sein, nicht jede Dissertation entdeckt die Weltformel), so spricht dies zumindest ansatzweise gegen einen Betrug; Es spräche dann eher (nicht zwingend) für - allerdings sehr grobe - Fahrlässigkeit.

Allerdings sollte in meinen Augen auch der Doktorvater nicht ignoriert werden. In einer idealen Welt sollte sich dessen Leistung nicht auf ein Durchlesen und Bewerten der fertigen Arbeit beschränken, sondern auch die Arbeit im Entstehungsprozess begleiten, damit solche Fälle gar nicht erst entstehen können.
Die ist aber leider im realen Leben stark von der Fachrichtung, der Fakultät und dem jeweiligen Doktorvater abhängig und nicht allgemein verbindlich geregelt. Andere Länder sind da formal durchaus strenger, was das Einbinden der Doktoranden in den universitären Betrieb angeht.

Zum Schluss sei nochmal gesagt, dass ich nicht unbedingt der Meinung bin, dass ein Doktortitel eine übergeordnete Qualifikation im Alltag darstellt, aber nichtsdestotrotz dem Träger eines bescheinigt: Er war für einen begrenzten Zeitraum seines Lebens in der Lage, eine wissenschatliche Fragestellung zu verfolgen und unter wissenschaftlichen Kriterien zu beantworten und damit einen Beitrag (ob klein oder groß) zum wissenschaftlichen Gesamtbild zu leisten.

Und diese Doktorwürde sollte auch jedem, der diese ernsthaft erarbeitet hat, als solche erhalten bleiben, ohne sich der allgemeinen Lächerlichkeit preisgeben zu müssen.
Wenn der Gesellschaft etwas am Fortbestand der Wissenschaft liegt und sie keinen weiteren Brain-Drain unterstützen will, wäre es schön, wenn man auch ein bisschen stolz darauf sein dürfte und es nicht unter "ist doch egal" läuft.

Wer diese Ansichten nicht ganz aus der Luft gegriffen findet, kann vielleicht einen Blick auf diesen offenen Brief von Doktoranden an die Bundeskanzlerin werfen.

Ansonsten bin ich gerne offen für Kommentare zum Thema, KTzG Unterstützer und Absäger mögen sich bitte anderswo mit Sandkuchen bewerfen.

Gruß

dieses eine Mal mit Titel ;-)

Dr. Fritz Vollmer



Kommentare:

  1. Heute in der Süddeutschen gelesen, Interview mit Frau Schavan:

    http://www.sueddeutsche.de/politik/anette-schavan-ueber-guttenberg-ich-schaeme-mich-nicht-nur-heimlich-1.1065529

    Viel parteipolitisches lavieren aber eine - in meinen Augen - gute Aussage:
    "[...]Die Universität Bayreuth hat angekündigt, dass sie weitere Vorwürfe überprüfen wird. Das ist der richtige Ort: Die Uni muss entscheiden, ob sie von einer bewussten Täuschung ausgeht. Der Politik steht es gut an, sich in ein laufendes Verfahren nicht durch öffentliche Stellungnahmen einzumischen."

    Gruss

    DerFrutz

    AntwortenLöschen
  2. Jetzt kommentierst Du schon Dein eigenes Blog! ;) Ich les erstmal... *kaffeeschlürf*

    AntwortenLöschen
  3. Super geschrieben. Bin zwar kein Doktor (bin ja immer noch am Überlegen, ob ich endlich meine Masterarbeit anfange) aber ich kann schon den Ärger der Wissenschaftler verstehen, dies als Bagatelle abzutun. Ich wäre vermutlich auch angep....

    AntwortenLöschen
  4. Ich gebe Dir voll und ganz Recht. Nur im Falle Guttenberg passt deine Ausführung nicht ganz, es handelt sich nicht um eine Promotion in einer "richtigen" Wissenschaft, sondern um eine in Jura. JURA! J - u - r - a !!! Das sind doch immer Dr.sc. (sine causa).

    AntwortenLöschen
  5. Egal, Wissenschaft ist Wissenschaft, das sehe ich nicht so streng.
    Man kann das aber gerne Abgrenzen von den "Natur"-Wissenschaften, das ist wohl wahr.

    Uebrigens warten wir mal ab, ob auch was in der
    "Testamentsvollstreckung an Kommanditanteilen"
    (http://d-nb.info/891472231/about/html) gefunden wird :)

    DerFrutz

    AntwortenLöschen